Alphora Health · Journal · Geschichte
N° 01 · Geschichte

Adaptogene: ein 80-Jahre-Begriff zwischen Tradition und Forschung

Der Begriff stammt nicht aus China oder Indien — er stammt aus einem sowjetischen Pharmakologie-Labor der 1940er. Wie eine politisch motivierte Forschungsrichtung zum globalen Trend wurde.

Im Schaufenster jeder zweiten Reformhaus-Filiale steht ein Produkt mit der Aufschrift „adaptogen”. Der Begriff klingt nach uralter Heilkunde, vermutlich aus der traditionellen chinesischen Medizin oder dem Ayurveda. Tatsächlich ist er erstaunlich jung — und seine Herkunft ist ein politisch geprägtes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Dieser Text erzählt die Geschichte: vom Leningrader Pharmakologie-Labor der späten 1940er-Jahre über die sibirische Feldforschung der 1960er bis zur westlichen Übersetzung in den 1990ern. Eine Geschichte, in der Pflanzen, Politik und Pragmatik ineinandergreifen.

1947: ein Pharmakologe sucht eine neue Substanzklasse

Der Begriff Adaptogen wurde zum ersten Mal 1947 vom sowjetischen Pharmakologen Nikolai Vasilievich Lazarev verwendet. Lazarev — Direktor des Instituts für Pharmakologie an der Militärmedizinischen Akademie in Leningrad (heute Sankt Petersburg) — hatte einen pragmatischen Forschungsauftrag: Substanzen finden, die sowjetischen Soldaten und Industriearbeitern unter extremen Belastungsbedingungen helfen sollten — ohne die Nebenwirkungen klassischer Stimulanzien wie Amphetamin.

Die Definition, die Lazarev formulierte, war klar:

Eine adaptogene Substanz:

  1. unterstützt unspezifisch die Anpassung an Belastungsbedingungen,
  2. hat keine erheblichen Nebenwirkungen bei normaler Dosierung,
  3. macht nicht abhängig.

Die Reihenfolge ist wichtig. Lazarev suchte explizit nach Alternativen zu den damaligen Stimulanzien-Klassikern, die zwar wirksam, aber problematisch waren. Amphetamin, das während des Zweiten Weltkriegs in mehreren Armeen großflächig eingesetzt worden war, hatte sich als suchterzeugend und nebenwirkungsreich erwiesen. Lazarev hoffte, in pflanzlichen Substanzen eine mildere, nachhaltigere Antwort zu finden.

1958: Brekhman und Eleutherococcus

Die wichtigsten praktischen Arbeiten zu adaptogenen Pflanzen stammen aber nicht von Lazarev selbst, sondern von seinem Schüler Israel Itzkovich Brekhman (1921–1994). Brekhman wechselte in den 1950er-Jahren nach Wladiwostok ans Institut für Biologisch Aktive Substanzen der sowjetischen Akademie der Wissenschaften.

Wladiwostok lag — und liegt — strategisch in der Russischen Fernost-Region, mit Zugang zu Pflanzen der fernöstlichen Taiga. Brekhman begann systematisch, lokale Pflanzen auf Lazarevs Adaptogen-Kriterien zu untersuchen. Sein erster großer Fund: Eleutherococcus senticosus — eine Pflanze aus der Familie der Araliaceae, die in der traditionellen chinesischen Medizin (als „Ci Wu Jia”) seit langem dokumentiert war, aber in der westlichen Pharmakologie weitgehend unbekannt.

Brekhman publizierte 1958 die ersten systematischen Studien zu Eleutherococcus. Die sowjetische Industrie reagierte schnell: Eleutherococcus-Extrakte wurden ab den 1960er-Jahren an Olympiamannschaften, Bergleute, Kosmonauten und Soldaten ausgegeben. Yuri Gagarin trank vor seinem Raumflug 1961 angeblich eine Eleutherococcus-Tinktur — das wird in russischen Quellen erwähnt, ist aber nicht abschließend belegt.

1969: Rhodiola Rosea kommt dazu

Brekhman und sein Team erweiterten die Adaptogen-Liste in den 1960er-Jahren systematisch. Die zweite Pflanze, die internationale Bekanntheit erreichte: Rhodiola Rosea, im deutschsprachigen Raum Rosenwurz genannt.

Rhodiola wuchs in den arktischen und alpinen Höhenlagen Skandinaviens, Sibiriens und des Altai. In der skandinavischen und russischen Volksmedizin war sie seit Jahrhunderten als Tonikum für lange Reisen und harte Arbeit dokumentiert. Brekhmans Gruppe begann 1969 mit systematischen pharmakologischen Untersuchungen — chemische Analyse, Tierversuche, anschließend Studien an Menschen.

Die Hauptinhaltsstoffe wurden isoliert und „Rosavine” genannt — eine Gruppe von Glykosiden, die als charakteristische Leitsubstanzen für authentisches Rhodiola-Material galten. Rhodiola wurde in der Sowjetunion zur Kategorie A der medizinisch wertvollen Pflanzen erklärt — was einen besonderen Schutz und kontrollierte Bewirtschaftung bedeutete.

In ALPHORA FOKUS sind 200 mg Rhodiola-Extrakt enthalten, standardisiert auf 3 % Rosavine — die in den späten 1960ern definierte Standardisierungs-Logik, die bis heute gilt. Mehr Details auf /rhodiola-rosea.

Die klassische Liste: was bis Ende der 1980er als Adaptogen galt

Über die folgenden Jahrzehnte erweiterte sich die sowjetische Adaptogen-Liste systematisch. Bis Ende der 1980er-Jahre umfasste sie:

  1. Eleutherococcus senticosus (1958, Brekhman) — die Gründungspflanze.
  2. Rhodiola Rosea (1969, Saratikov, Krasnov) — der nordische Klassiker.
  3. Schisandra chinensis (Wu Wei Zi, Beerentraube) — eine kletternde Pflanze aus dem fernöstlichen Wald.
  4. Aralia mandshurica — Mandschu-Aralia, eine weitere Araliaceae.
  5. Panax ginseng (Koreanischer Ginseng) — die ostasiatische Tradition wurde integriert, nicht eigenständig adaptogen klassifiziert.

Der zentrale Unterschied zur westlichen Phytotherapie der gleichen Zeit: Die sowjetische Pharmakologie sah Adaptogene als eine Substanzklasse mit gemeinsamen Eigenschaften — Westliche Phytotherapeuten hingegen behandelten jede Pflanze einzeln in ihren traditionellen Verwendungs-Kontexten.

1990er: Der Fall der Sowjetunion und die westliche Übersetzung

Mit dem Fall der Sowjetunion 1991 wurde die russische Forschungs-Literatur erstmals breit zugänglich. Westliche Phytotherapeuten — insbesondere in den USA und Deutschland — entdeckten die jahrzehntelange Adaptogen-Forschung neu und übersetzten sie ins Englische und Deutsche.

Wichtige Übersetzer:

  • Christopher Hobbs (USA, 1990er-Jahre) — popularisierte den Begriff im US-amerikanischen Naturheilkunde-Diskurs.
  • Volker Schulz (Deutschland, 1990er-2000er) — integrierte Adaptogen-Konzepte in deutsche Phytotherapie-Lehrbücher.
  • Alexander Panossian (1990er-2000er) — schwedisch-russischer Phytochemiker, publizierte zahlreiche Studien zu Rhodiola und anderen Adaptogenen in westlichen Fachzeitschriften.

In der westlichen Übersetzung wuchs die Adaptogen-Liste deutlich. Pflanzen aus anderen traditionellen Systemen wurden nachträglich integriert:

  • Withania somnifera (Ashwagandha, ayurvedisch).
  • Bacopa monnieri (Brahmi, ayurvedisch).
  • Cordyceps (chinesischer medizinischer Pilz).
  • Maca (peruanische Tradition).
  • Tulsi (Holy Basil, ayurvedisch).

Ob diese Pflanzen die strengen Lazarev-Kriterien erfüllen, ist umstritten — sie wurden eher „nach Affinität” in die Kategorie aufgenommen.

Die wissenschaftliche Bewertung: zwischen Skepsis und Interesse

In der westlichen evidenzbasierten Medizin ist das Adaptogen-Konzept gemischt aufgenommen worden.

Skeptische Position: Der Begriff sei zu unpräzise, um wissenschaftlich nützlich zu sein. „Unspezifische Anpassung an Belastung” sei nicht messbar im klassischen pharmakologischen Studiendesign. Westliche Pharmakologie arbeitet mit klaren Wirkmechanismen und definierten Endpunkten — Adaptogene entziehen sich beidem.

Interessierte Position: Die Tradition und die russischen Studien rechtfertigen weitere Forschung. Tatsächlich wurden in den letzten zwei Jahrzehnten mehrere klinische Studien zu Rhodiola, Ashwagandha und Eleutherococcus in westlichen Fachzeitschriften publiziert. Die Ergebnisse sind heterogen — manche Studien zeigen Effekte, andere nicht. Ein konsistentes Wirkungsbild fehlt.

EU-Regulatorische Position: Pragmatisch. Adaptogene Pflanzen sind als Lebensmittel-Inhaltsstoffe zugelassen, aber für keine der klassischen Adaptogen-Pflanzen existiert ein EU-autorisierter Health Claim auf Artikel-13.1-Ebene. Spezifische Wirkversprechen sind also nicht zulässig — die traditionelle Verwendung und die Beschreibung der Pflanzen-Inhaltsstoffe schon.

Die deutsche Phytotherapie-Tradition

Im deutschsprachigen Raum hat die Phytotherapie eine eigene Geschichte, die nicht über die sowjetische Forschung lief. Klassische deutsche Phytotherapeuten — etwa Heinrich Marzell im 20. Jahrhundert — beschrieben Pflanzen mit „tonischer” oder „stärkender” Wirkung. Diese Konzepte überlappen mit dem späteren Adaptogen-Begriff, ohne identisch zu sein.

Die deutsche Kommission E — eine Expertenkommission des Bundesgesundheitsamts, die in den 1980er-Jahren über 300 Pflanzen-Monographien verfasste — bewertete einige der heute als adaptogen geltenden Pflanzen positiv (etwa Ginseng) und andere mit Vorbehalten (etwa Eleutherococcus, wegen unklarer Datenlage).

Die deutsche Tradition ist also konservativer und pflanzenspezifischer als die russische Substanzklassen-Logik.

Was vom Begriff bleibt

Heute, 80 Jahre nach Lazarevs erster Verwendung, ist „Adaptogen” ein etablierter Begriff in der Phytotherapie und im Supplement-Marketing. Er beschreibt:

  • Eine Gruppe von Pflanzen mit langer Anwendungstradition in Belastungsphasen.
  • Standardisierte Extrakte mit definierten Leitsubstanzen.
  • Eine Kategorie, die zwischen klassischer Medizin und Lebensmittel verortet ist.

Was er nicht ist:

  • Eine offiziell regulierte Kategorie im EU-Recht.
  • Eine wissenschaftlich abgeschlossen anerkannte Substanzklasse.
  • Eine Lizenz für spezifische Wirkversprechen.

Wer Adaptogene als Zutat in Nahrungsergänzungsmitteln verwendet, sollte den Begriff als das nehmen, was er ist: ein historisch geprägter, in der Phytotherapie etablierter Sammelbegriff — keine pharmakologische Garantie.

In ALPHORA FOKUS sind zwei Adaptogene aus zwei Traditionen kombiniert: Rhodiola Rosea (200 mg, 3 % Rosavine) aus der nordisch-russischen Linie und Panax Ginseng (100 mg) aus der ostasiatischen. Die Wahl der Kombination ist eine redaktionelle, keine pharmakologisch zwingende. Mehr zur Kategorienübersicht auf /adaptogene, zu den einzelnen Pflanzen auf /rhodiola-rosea und /panax-ginseng.

Zum Mitnehmen

  • Der Begriff Adaptogen stammt aus der sowjetischen Pharmakologie der 1940er, von Nikolai Lazarev geprägt.
  • Israel Brekhman entwickelte das Konzept in der Praxis und identifizierte die ersten klassischen Pflanzen.
  • Die Übersetzung in den Westen erfolgte ab den 1990er-Jahren — und erweiterte die Liste deutlich, oft ohne strenge Kriterien.
  • EU-Regulatorisch sind Adaptogene Lebensmittel-Inhaltsstoffe ohne autorisierte Wirkaussagen.
  • In der Praxis: ein historisch geprägter, konservativ zu betrachtender Sammelbegriff für Pflanzen mit langer Tradition in Belastungsphasen.

Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sowie eine gesunde Lebensweise. Die empfohlene tägliche Verzehrmenge darf nicht überschritten werden. Bei Schwangerschaft, Stillzeit, bestehenden Erkrankungen oder Einnahme von Medikamenten vor Einnahme ärztlichen Rat einholen.

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