Bei gesunden Menschen zeigen die Studien zu Ginkgo biloba keinen messbaren Effekt auf Gedächtnis oder Aufmerksamkeit: Eine Meta-Analyse von Laws et al. (2012) mit 1132 Teilnehmenden in den Gedächtnistests fand Effektgrößen nahe null. Anders eingeordnet ist ein standardisierter Ginkgo-Trockenextrakt als Arzneimittel, den die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) bei leichter Demenz bewertet.
Wer Ginkgo verstehen will, muss deshalb zwei Produktwelten trennen: das Arzneimittel und das Nahrungsergänzungsmittel. Ginkgo ist kein Bestandteil von ALPHORA FOKUS. Welche Faktoren die Konzentration im Alltag tatsächlich prägen, ordnet die Seite Konzentration steigern ein.
Arzneimittel und Nahrungsergänzung: zwei verschiedene Produkte
Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der EMA hat 2015 eine Monografie zu Ginkgoblättern verabschiedet. Sie beschreibt einen definierten Trockenextrakt, hergestellt mit 60-prozentigem Aceton, im Verhältnis von 35 bis 67 Teilen Blatt zu einem Teil Extrakt. Das Anwendungsgebiet für diesen Extrakt lautet: Verbesserung altersbedingter kognitiver Beeinträchtigungen und der Lebensqualität bei leichter Demenz. Die Tagesdosis beträgt 240 mg, die Behandlung soll mindestens acht Wochen dauern. Bleibt nach drei Monaten eine Besserung aus, soll ärztlich geprüft werden, ob die Behandlung fortgesetzt wird. Für Kinder und Jugendliche gibt es kein relevantes Anwendungsgebiet.
Die meisten klinischen Studien verwendeten einen Spezialextrakt mit der Bezeichnung EGb 761. In Deutschland steht der standardisierte Ginkgo-Blätter-Extrakt (Aceton-Wasser-Auszug, 240 mg Tagesdosis) auf der Ausnahmeliste des Gemeinsamen Bundesausschusses. Er kann damit ausschließlich zur Behandlung der Demenz zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden, obwohl er nicht verschreibungspflichtig ist.
| Merkmal | Ginkgo-Arzneimittel | Nahrungsergänzung mit Ginkgo |
|---|---|---|
| Rechtliche Kategorie | Arzneimittel | Lebensmittel |
| Prüfung vor dem Verkauf | behördliches Zulassungsverfahren | keine staatliche Zulassung |
| Extrakt | in der Monografie definiert | keine Vorgabe |
| Menge | 240 mg pro Tag laut Monografie | vom Hersteller festgelegt |
| Aussagen zur Wirkung | nur im zugelassenen Anwendungsgebiet | kein zugelassener Health Claim |
Was zeigen Studien bei gesunden Menschen?
Die Meta-Analyse von Laws et al. (2012) in Human Psychopharmacology fasste randomisierte, kontrollierte Studien mit gesunden Menschen zusammen:
- Gedächtnis: 13 Studien, 1132 Teilnehmende
- Exekutive Funktionen: 7 Studien, 534 Teilnehmende
- Aufmerksamkeit: 8 Studien, 910 Teilnehmende
In allen drei Bereichen lagen die Effektgrößen nahe null und waren statistisch nicht signifikant. Sie hingen weder vom Alter der Teilnehmenden noch von Studiendauer, Tagesdosis, Gesamtdosis oder Studiengröße ab. Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass sich bei Gesunden kein positiver Effekt auf die untersuchten geistigen Funktionen feststellen ließ.
Das US-amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH) kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: Ob Ginkgo die geistige Leistung gesunder Menschen beeinflusst, sei unsicher, und ein großer Teil der Forschung dazu sei von geringer Qualität. Zum Vergleich, wie Studien mit gesunden Erwachsenen bei einem anderen, oft im selben Zusammenhang genannten Stoff angelegt sind, lohnt ein Blick in den Beitrag Citicolin Dosierung.
Kann Ginkgo einer Demenz vorbeugen?
Diese Frage untersuchte die GEM-Studie (Ginkgo Evaluation of Memory) an fünf US-amerikanischen Universitätszentren. 3069 Menschen ab 75 Jahren, die meisten ohne kognitive Einschränkungen, erhielten zweimal täglich 120 mg Ginkgo-Extrakt oder ein Placebo. Die Beobachtungszeit lag im Median bei 6,1 Jahren.
Das Ergebnis (DeKosky et al., 2008, JAMA): Demenzen traten unter Ginkgo mit 3,3 Fällen pro 100 Personenjahre auf, unter Placebo mit 2,9. Der Unterschied war nicht signifikant. Auch bei Teilnehmenden mit leichter kognitiver Beeinträchtigung veränderte Ginkgo das Fortschreiten zur Demenz nicht. Eine Folgeauswertung (Snitz et al., 2009) fand zudem keine Unterschiede im geistigen Abbau, weder beim Gedächtnis noch bei Aufmerksamkeit, Sprache oder exekutiven Funktionen.
Und bei bestehender Demenz?
Hier ist die Bewertung uneinheitlich. Der Cochrane-Review von Birks und Grimley Evans (2009) schloss 36 Studien ein, die meisten klein und kürzer als drei Monate. Neun Studien liefen sechs Monate, mit zusammen 2016 Patientinnen und Patienten. Ihre Ergebnisse zu Kognition, Alltagsaktivitäten und Stimmung waren widersprüchlich. Das Fazit des Reviews: Belege für einen vorhersagbaren, klinisch bedeutsamen Nutzen bei Demenz sind uneinheitlich und unzuverlässig. Ginkgo erschien dabei sicher, unerwünschte Ereignisse traten nicht häufiger auf als unter Placebo.
Der Review beruht auf einer Literatursuche von 2007, spätere Studien sind darin nicht enthalten. Die EMA ordnet den Extrakt auf Basis der Literatur als Arzneimittel mit allgemein anerkannter Verwendung bei leichter Demenz ein. Ob Ginkgo im Einzelfall infrage kommt, ist eine ärztliche Entscheidung, keine Frage der Selbstmedikation.
Blutungsrisiko und Wechselwirkungen
Die EMA-Monografie enthält für das Arzneimittel eine Reihe von Warnhinweisen:
- Gerinnungshemmer: Die Wirkung von Mitteln wie Phenprocoumon und Warfarin sowie von Thrombozytenhemmern wie Clopidogrel, Acetylsalicylsäure und anderen nichtsteroidalen Antirheumatika kann beeinflusst werden. Studien mit Warfarin zeigten zwar keine Wechselwirkung, beim Beginnen, Ändern oder Absetzen von Ginkgo wird aber eine Kontrolle empfohlen.
- Blutungsneigung: Bei krankhaft erhöhter Blutungsneigung und gleichzeitiger gerinnungshemmender Therapie nur nach ärztlicher Rücksprache.
- Operationen: Weil Ginkgo die Blutungsneigung erhöhen kann, soll es drei bis vier Tage vor einer Operation abgesetzt werden.
- Epilepsie: Weitere Krampfanfälle sind nicht auszuschließen.
- Weitere Arzneimittel: Mit dem HIV-Mittel Efavirenz wird die Kombination nicht empfohlen, bei Dabigatran ist Vorsicht geboten, die Spiegel von Nifedipin können steigen.
- Schwangerschaft: Kontraindiziert, in der Stillzeit nicht empfohlen.
Als Nebenwirkungen nennt die Monografie sehr häufig Kopfschmerzen, häufig Schwindel, Durchfall, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, außerdem Blutungen einzelner Organe und allergische Reaktionen mit unbekannter Häufigkeit. Das NCCIH weist zusätzlich darauf hin, dass frische Ginkgosamen beim Verzehr giftig sind.
Diese Hinweise stammen aus der Arzneimittel-Monografie. Für Nahrungsergänzungsmittel mit Ginkgo gibt es keine vergleichbare amtliche Fachinformation. Die Vorsichtsmaßnahmen sind trotzdem ein sinnvoller Maßstab.
Zum rechtlichen Rahmen Für Ginkgo biloba in Lebensmitteln gibt es keinen von der EU zugelassenen Health Claim. Die Bewertung gesundheitsbezogener Angaben zu Pflanzenstoffen ist seit Jahren ausgesetzt („on hold“). Das zugelassene Anwendungsgebiet des Arzneimittels gilt nicht für Nahrungsergänzungsmittel. Mehr dazu im Beitrag EU Health Claims erklärt.
Wann ärztlich abklären?
- Gedächtnisprobleme, die zunehmen oder den Alltag beeinträchtigen, gehören in ärztliche Hände. Eine Demenz lässt sich nur durch eine Untersuchung feststellen, nicht durch einen Selbstversuch mit Ginkgo.
- Vor einer Einnahme, wenn du Gerinnungshemmer, Acetylsalicylsäure oder andere Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR, Mittel gegen Epilepsie oder HIV-Medikamente nimmst, wenn eine Operation ansteht oder wenn du schwanger bist oder stillst.
- Während einer Einnahme bei ungewöhnlichen Blutungen, etwa aus der Nase oder im Magen-Darm-Trakt, und bei allergischen Hautreaktionen.
Ist Ginkgo in ALPHORA FOKUS enthalten?
Nein. Ginkgo biloba ist kein Bestandteil von ALPHORA FOKUS. Für Pflanzenextrakte gilt grundsätzlich: Studienergebnisse aus Arzneimittelstudien mit Patientinnen und Patienten lassen sich nicht ohne Weiteres auf gesunde Menschen und frei verkäufliche Produkte übertragen.
Fazit
Bei Ginkgo lohnt es sich, genau zu lesen. Für gesunde Menschen fanden Meta-Analysen keinen messbaren Effekt auf Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder exekutive Funktionen, und die GEM-Studie fand keinen Schutz vor Demenz. Ein definierter Extrakt ist als Arzneimittel bei leichter Demenz eingeordnet, die Studienlage dazu wird aber unterschiedlich bewertet. Wer Blutverdünner nimmt, vor einer Operation steht oder schwanger ist, klärt Ginkgo vorher ärztlich.
Quellen
- European Medicines Agency, HMPC (2015): European Union herbal monograph on Ginkgo biloba L., folium sowie Übersichtsseite Ginkgo folium
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Arzneimittel-Richtlinie, Anlage I (OTC-Übersicht)
- Laws KR et al. (2012): Is Ginkgo biloba a cognitive enhancer in healthy individuals? A meta-analysis. Human Psychopharmacology
- DeKosky ST et al. (2008): Ginkgo biloba for prevention of dementia: a randomized controlled trial. JAMA
- Snitz BE et al. (2009): Ginkgo biloba for preventing cognitive decline in older adults: a randomized trial. JAMA
- Birks J, Grimley Evans J (2009): Ginkgo biloba for cognitive impairment and dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews, Zusammenfassung bei Cochrane
- National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Ginkgo
- Europäische Kommission: EU-Register der nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sowie eine gesunde Lebensweise. Pflanzenstoffe können mit Medikamenten wechselwirken, Ginkgo insbesondere mit gerinnungshemmenden Mitteln. Anhaltende Gedächtnis- oder Konzentrationsprobleme sollten ärztlich abgeklärt werden. Bei Schwangerschaft, Stillzeit, bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme vor der Einnahme ärztlichen Rat einholen.
Häufige Fragen
Hat Ginkgo bei gesunden Menschen einen Effekt auf das Gedächtnis?
Nach heutiger Studienlage lässt sich das nicht belegen. Eine Meta-Analyse von Laws et al. (2012) fand bei gesunden Menschen Effektgrößen nahe null für Gedächtnis (13 Studien, 1132 Teilnehmende), für exekutive Funktionen und für Aufmerksamkeit. Auch das US-amerikanische NCCIH hält einen Einfluss auf die geistige Leistung Gesunder für unsicher und beschreibt viele Studien als methodisch schwach.
Was unterscheidet Ginkgo-Arzneimittel von Nahrungsergänzungsmitteln?
Ginkgo-Arzneimittel enthalten einen definierten Trockenextrakt aus Ginkgoblättern. Die Europäische Arzneimittel-Agentur ordnet ihn als Arzneimittel bei leichter Demenz ein, mit 240 mg pro Tag. In Deutschland kann dieser Extrakt zur Behandlung der Demenz zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Nahrungsergänzungsmittel mit Ginkgo durchlaufen keine staatliche Zulassung und haben keinen zugelassenen Health Claim.
Kann Ginkgo einer Demenz vorbeugen?
In der GEM-Studie mit 3069 Menschen ab 75 Jahren erhielten die Teilnehmenden zweimal täglich 120 mg Ginkgo-Extrakt oder ein Placebo, beobachtet wurden sie im Median gut sechs Jahre. Demenzen traten in beiden Gruppen ähnlich häufig auf, mit 3,3 gegenüber 2,9 Fällen pro 100 Personenjahre. Ginkgo verlangsamte in dieser Studie auch den geistigen Abbau nicht.
Ist Ginkgo zusammen mit Blutverdünnern problematisch?
Die EMA-Monografie hält fest, dass Ginkgo die Wirkung von Gerinnungshemmern wie Phenprocoumon und Warfarin sowie von Thrombozytenhemmern wie Clopidogrel und Acetylsalicylsäure beeinflussen kann. Bei erhöhter Blutungsneigung und gleichzeitiger Einnahme solcher Mittel soll Ginkgo nur nach ärztlicher Rücksprache verwendet werden. Vor Operationen wird empfohlen, Ginkgo drei bis vier Tage vorher abzusetzen.
Ist Ginkgo in ALPHORA FOKUS enthalten?
Nein. Ginkgo biloba ist kein Bestandteil von ALPHORA FOKUS. Dieser Beitrag ordnet die Pflanze unabhängig davon ein.