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N° 01 · Inhaltsstoffe

Ginsenoside erklärt: Typen, Standardisierung, Etikett

Ginseng ist nicht gleich Ginseng. Wer versteht, was Ginsenoside sind, liest Etiketten mit anderen Augen und erkennt schnell, welche Angaben etwas taugen.

Ginsenoside sind die charakteristischen Inhaltsstoffe von Ginseng der Gattung Panax. Chemisch handelt es sich um Triterpen-Saponine: ein steroidähnliches Grundgerüst, an das ein oder mehrere Zuckerreste gebunden sind. Bisher wurden über 50 Einzelverbindungen beschrieben, die bekanntesten heißen Rb1, Rg1, Re und Rd. Wenn auf einem Etikett „standardisiert auf 4 % Ginsenoside“ steht, ist der Gesamtgehalt dieser Stoffgruppe gemeint.

Dieser Beitrag erklärt, wie die Ginsenoside aufgebaut sind, warum nicht jeder „Ginseng“ welche enthält und wie du Angaben auf Verpackungen einordnest. Herkunft und Tradition der Pflanze stehen auf der Themenseite Panax Ginseng.

Was sind Ginsenoside chemisch?

Saponine sind in der Pflanzenwelt weit verbreitet. Ihren Namen haben sie vom lateinischen sapo, Seife, weil sie in Wasser schäumen. Die Ginsenoside sind eine besondere Familie davon, die in dieser Form fast nur in Panax-Arten vorkommt. Deshalb dienen sie als Leitsubstanzen: Über sie wird geprüft, ob ein Rohstoff wirklich Ginseng ist und wie viel davon im Extrakt steckt.

Die Bezeichnungen wirken kryptisch, folgen aber einer einfachen Logik. Das „R“ steht für Radix, Wurzel. Der Buchstabe dahinter (a, b, c, d, e, f, g) gibt an, wie weit die Substanz bei der Dünnschichtchromatographie gewandert ist, also eine historische Laborreihenfolge. Die Zahl unterscheidet Varianten. Rb1 und Rb2 sind demnach eng verwandt, Rb1 und Rg1 nicht unbedingt.

Welche Ginsenosid-Typen gibt es?

Für die Praxis reicht es, drei Gruppen zu kennen:

GruppeTypische VertreterBesonderheit
Protopanaxadiol-Typ (PPD)Rb1, Rb2, Rc, Rdin vielen Panax-Wurzeln mengenmäßig stark vertreten
Protopanaxatriol-Typ (PPT)Rg1, Re, Rfeine zusätzliche Hydroxygruppe am Grundgerüst
Oleanan-TypRoanderes Grundgerüst, mengenmäßig meist gering

Das Verhältnis von PPD- zu PPT-Ginsenosiden ist ein Fingerabdruck. Asiatischer Ginseng (Panax ginseng) und Amerikanischer Ginseng (Panax quinquefolius) enthalten beide Rb1 und Rg1, aber in unterschiedlichen Anteilen. Einzelne Verbindungen gelten zudem als artspezifisch: Rf wird als Marker für Panax ginseng genutzt, das Pseudoginsenosid F11 für den Amerikanischen Ginseng. Labore prüfen das per HPLC, um Verwechslungen oder Beimischungen zu erkennen.

Panax ginseng, Amerikanischer und Sibirischer Ginseng: was ist was?

Im Handel tragen sehr unterschiedliche Pflanzen den Namen Ginseng. Ein kurzer Überblick:

HandelsnameBotanischer NameGinsenoside?
Koreanischer oder Asiatischer GinsengPanax ginseng C.A. Meyerja
Amerikanischer GinsengPanax quinquefoliusja, anderes Profil
Sanqi, NotoginsengPanax notoginsengja, anderes Profil
„Sibirischer Ginseng“, TaigawurzelEleutherococcus senticosusnein

Der „Sibirische Ginseng“ ist der häufigste Stolperstein. Die Taigawurzel gehört zwar zur selben Pflanzenfamilie, den Araliengewächsen, aber zu einer anderen Gattung. Sie enthält keine Ginsenoside, sondern Eleutheroside, eine chemisch andere Stoffgruppe. Wer Studien zu Panax ginseng liest, kann die Ergebnisse deshalb nicht auf Eleutherococcus übertragen und umgekehrt. Wie solche Pflanzen in der Adaptogen-Forschung der Sowjetunion zusammengefasst wurden, erzählt der Beitrag Adaptogene: die Geschichte eines Begriffs.

Was ist der Unterschied zwischen rotem und weißem Ginseng?

Beide stammen von derselben Pflanze, entscheidend ist die Verarbeitung nach der Ernte:

  • Weißer Ginseng wird meist geschält und an der Luft getrocknet.
  • Roter Ginseng wird ungeschält mit Wasserdampf behandelt und erst dann getrocknet. Dabei färbt sich die Wurzel rötlich-braun.

Das Dämpfen verändert das Ginsenosid-Profil. Ein Teil der ursprünglichen Verbindungen verliert Zuckerreste, und es entstehen sogenannte sekundäre Ginsenoside wie Rg3, Rg5 oder Rk1, die in weißem Ginseng kaum vorkommen. Roter Ginseng ist also chemisch nicht einfach „mehr“ Ginseng, sondern ein anderes Profil. In der koreanischen Tradition gilt er als die wertvollere Form. Für einen Vergleich von Produkten heißt das: Rot und weiß lassen sich nicht allein über den Gesamtgehalt vergleichen.

Was bedeutet Standardisierung auf Ginsenoside?

Der Ginsenosid-Gehalt einer Wurzel schwankt stark, je nach Alter, Anbaugebiet, Erntezeit und Pflanzenteil. Ein standardisierter Extrakt gleicht das aus: Der Hersteller legt einen Mindest- oder Zielgehalt fest und prüft jede Charge dagegen. Am Markt üblich sind Extrakte mit etwa 3 bis 5 Prozent Gesamtginsenosiden, es gibt aber auch deutlich höher konzentrierte.

Ein bekanntes Beispiel aus der Forschung ist der Extrakt G115, standardisiert auf 4 Prozent Ginsenoside. Viele Studien der Arbeitsgruppe um David Kennedy und Andrew Scholey an der Northumbria University verwendeten ihn. Dort wurden in den 2000er-Jahren unter anderem Einzelgaben von 200 und 400 mg untersucht und mit kognitiven Tests und Blutzuckermessungen verbunden. Ein Cochrane-Review (Geng et al., 2010) kam zu dem Schluss, dass die Datenlage für belastbare Aussagen zur Kognition nicht ausreicht. Beides gehört zusammen in die Einordnung.

Die EMA hat über ihren Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) eine Monografie zur Ginsengwurzel veröffentlicht, die sie als traditionelles pflanzliches Arzneimittel einordnet. Sie gilt für Arzneimittel, nicht für Nahrungsergänzung, und ist keine Mengenempfehlung für Supplements.

Wie liest du ein Ginseng-Etikett richtig?

Fünf Fragen trennen aussagekräftige von dekorativen Angaben:

  1. Welche Art? Steht dort Panax ginseng, Panax quinquefolius oder nur „Ginseng“? Ohne botanischen Namen bleibt offen, was drin ist.
  2. Wurzel oder Extrakt? 500 mg Wurzelpulver und 100 mg Extrakt sind nicht vergleichbar. Bei Extrakten hilft das Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV), etwa 5:1, also fünf Teile Wurzel für einen Teil Extrakt.
  3. Wie viel Prozent Ginsenoside? Erst die Standardisierung macht Chargen und Produkte vergleichbar. Rechne nach: Extraktmenge mal Prozentsatz ergibt die Ginsenosid-Menge.
  4. Rot oder weiß? Das verändert das Profil, wie oben beschrieben.
  5. Wie wurde geprüft? Seriöse Hersteller nennen die Analysemethode oder legen ein Analysezertifikat vor. Ein Gesamtgehalt nach HPLC ist aussagekräftiger als eine pauschale Saponin-Bestimmung, die auch andere Stoffe miterfassen kann.

Ein Beispiel: 100 mg Extrakt mit 4 Prozent Ginsenosiden entsprechen 4 mg Ginsenosiden. 200 mg eines Extrakts ohne Prozentangabe können mehr, gleich viel oder weniger enthalten. Man weiß es schlicht nicht.

Welche Sicherheitshinweise gelten für Ginseng?

Ginseng ist ein Pflanzenstoff mit eigenem Profil, und das schließt Wechselwirkungen ein. In der Literatur beschrieben sind vor allem:

  • Blutverdünner wie Warfarin: Berichte über veränderte Gerinnungswerte. In einer kontrollierten Studie mit Amerikanischem Ginseng (Yuan et al., 2004) schwächte sich die Wirkung von Warfarin messbar ab.
  • Diabetes-Medikamente: Ginseng kann den Blutzucker beeinflussen, zusammen mit blutzuckersenkenden Mitteln ist Vorsicht geboten.
  • MAO-Hemmer: Es gibt Fallberichte über Interaktionen mit dem Antidepressivum Phenelzin.

In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen fehlen ausreichende Daten, deshalb wird von der Einnahme abgeraten. Gängige Nebenwirkungsberichte nennen unter anderem Schlafprobleme und Kopfschmerzen, weshalb Ginseng üblicherweise in der ersten Tageshälfte eingenommen wird. Einen breiteren Überblick gibt der Beitrag Nootropika: Nebenwirkungen.

Zum rechtlichen Rahmen Für Panax ginseng gibt es in der EU keinen zugelassenen Health Claim. Gesundheitsbezogene Angaben zu Pflanzenstoffen („Botanicals“) liegen seit 2010 auf Eis und wurden bis heute nicht abschließend bewertet. Dieser Beitrag beschreibt Chemie, Standardisierung und Studienlage, aber keine Wirkung. Wie das System funktioniert, erklärt der Beitrag EU Health Claims erklärt.

Wie ist Ginseng in ALPHORA FOKUS eingesetzt?

ALPHORA FOKUS enthält 100 mg Panax-ginseng-Extrakt pro Tagesportion (2 Kapseln), standardisiert nach Ginsenosid-Gehalt und je Charge per HPLC auf Identität geprüft. Daneben steckt Rhodiola rosea in der Formel, eine zweite Pflanze aus der Adaptogen-Tradition mit eigener Leitsubstanz. Wie beide einzuordnen sind, steht auf der Themenseite Adaptogene und bei Rhodiola Rosea.

Fazit

Ginsenoside sind der Schlüssel, um Ginseng-Produkte zu verstehen. Sie verraten, ob echter Panax-Ginseng drinsteckt, wie der Rohstoff verarbeitet wurde und ob zwei Produkte überhaupt vergleichbar sind. Wer auf botanischen Namen, Extraktangabe und Ginsenosid-Prozentsatz achtet, ist den meisten Werbeversprechen schon einen Schritt voraus. Und wer Medikamente nimmt, klärt die Einnahme vorher ärztlich ab.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sowie eine gesunde Lebensweise. Die empfohlene tägliche Verzehrmenge darf nicht überschritten werden. Pflanzenstoffe können mit Medikamenten wechselwirken. Bei Schwangerschaft, Stillzeit, bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme vor der Einnahme ärztlichen Rat einholen.

Häufige Fragen

Was sind Ginsenoside?

Ginsenoside sind Triterpen-Saponine, also Verbindungen aus einem steroidähnlichen Grundgerüst und einem oder mehreren Zuckerresten. Sie kommen charakteristisch in Arten der Gattung Panax vor und gelten als deren Leitsubstanzen. Bisher wurden über 50 Einzelverbindungen beschrieben, bekannte Vertreter heißen Rb1, Rg1, Re oder Rd. Nach ihrem Gesamtgehalt werden Ginseng-Extrakte standardisiert.

Was ist der Unterschied zwischen Rb1 und Rg1?

Rb1 und Rg1 gehören zu zwei verschiedenen Untergruppen der Ginsenoside. Rb1 ist ein Vertreter des Protopanaxadiol-Typs, Rg1 des Protopanaxatriol-Typs. Die beiden unterscheiden sich im Aufbau des Grundgerüsts und in der Anzahl und Position der Zuckerreste. Das Verhältnis der beiden Gruppen ist ein Merkmal, an dem sich Ginseng-Arten und Verarbeitungsformen unterscheiden lassen.

Ist Sibirischer Ginseng echter Ginseng?

Nein. „Sibirischer Ginseng“ ist ein Handelsname für Eleutherococcus senticosus, eine Pflanze aus derselben Familie (Araliaceae), aber einer anderen Gattung. Sie enthält keine Ginsenoside, sondern andere Inhaltsstoffe, die als Eleutheroside bezeichnet werden. Mit Panax ginseng oder Panax quinquefolius ist sie deshalb nicht vergleichbar.

Was bedeutet „standardisiert auf 4 % Ginsenoside“?

Die Angabe bedeutet, dass der Extrakt einen festgelegten Gesamtgehalt an Ginsenosiden aufweist, hier 4 Prozent der Extraktmasse. In 100 mg eines solchen Extrakts stecken also rechnerisch 4 mg Ginsenoside. Die Standardisierung sorgt für gleichbleibende Chargen. Sie sagt aber nichts darüber aus, welche einzelnen Ginsenoside enthalten sind oder mit welcher Methode gemessen wurde.

Wer sollte bei Ginseng vorsichtig sein?

Wechselwirkungen sind in der Literatur vor allem mit Blutverdünnern wie Warfarin, mit Diabetes-Medikamenten und mit MAO-Hemmern beschrieben. Wer solche Medikamente nimmt, sollte die Einnahme vorher ärztlich abklären. In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern wird Ginseng wegen fehlender Daten nicht empfohlen.

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