Koffein ist die am weitesten verbreitete psychoaktive Substanz der Welt, und das schon seit Jahrhunderten. Tee wird in China seit weit über tausend Jahren getrunken, Kaffee ist seit dem 15. Jahrhundert im Jemen belegt. Den Wirkstoff selbst isolierte der deutsche Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge 1819, angeblich auf Anregung von Goethe. Seitdem führt eine gerade Linie über Kaffeehäuser, Cola und Energy Drinks bis zur Koffeinkapsel von heute.
Dieser Beitrag erzählt die Geschichte in Etappen. Wo es um Legenden geht, sagen wir es dazu. Wie Koffein im Körper wirkt, steht auf der Themenseite Koffein.
Kaldi und die tanzenden Ziegen: eine Legende
Die bekannteste Ursprungsgeschichte des Kaffees spielt im Hochland Äthiopiens. Ein Ziegenhirte namens Kaldi bemerkt, dass seine Tiere nach dem Fressen roter Beeren eines Strauchs die ganze Nacht herumspringen. Er probiert selbst, ist begeistert und bringt die Früchte zu einem Kloster. Die Mönche werfen sie zunächst ins Feuer, der Duft der gerösteten Bohnen überzeugt sie dann doch.
Schön erzählt, aber eine Legende. Schriftlich erscheint sie erstmals 1671 in einem lateinischen Text des maronitischen Gelehrten Antoine Faustus Nairon, also rund zwei Jahrhunderte nach den ersten belegten Kaffeetrinkern. Gesichert ist dagegen, dass die Arabica-Pflanze ursprünglich aus dem äthiopischen Hochland stammt.
Wie kam der Kaffee in den Jemen?
Die frühesten verlässlichen Belege für Kaffee als Getränk führen in den Jemen des 15. Jahrhunderts. Dort tranken Sufis, Angehörige mystischer Strömungen des Islam, den Kaffee, um bei nächtlichen Gebeten und Andachten wach zu bleiben. Der Hafen Mokka wurde zum wichtigsten Umschlagplatz und gab später einer ganzen Zubereitungsart ihren Namen.
Vom Jemen aus verbreitete sich der Kaffee nach Mekka, Kairo und in die großen Städte des Osmanischen Reichs. Nicht immer willkommen: In Mekka ließ der Statthalter Khair Beg Kaffee 1511 verbieten, weil in den Kaffeerunden zu viel diskutiert wurde. Das Verbot hielt nicht lange. Es war das erste von vielen Kaffeeverboten, und fast alle scheiterten.
Kaffeehäuser: von Konstantinopel bis London
Konstantinopel bekam um die Mitte des 16. Jahrhunderts seine ersten Kaffeehäuser. Sie wurden schnell zu Treffpunkten für Gespräche, Spiele, Musik und Neuigkeiten, und damit auch zu Orten, die Herrscher misstrauisch beäugten.
Im 17. Jahrhundert erreichte die Kaffeehauskultur Europa:
- Venedig, als Handelsdrehscheibe zum Osmanischen Reich, war eines der ersten Einfallstore.
- England: In Oxford öffnete um 1650 ein Kaffeehaus, in London 1652 das von Pasqua Rosée. Londoner Kaffeehäuser bekamen den Spitznamen „Penny Universities“: Für den Preis eines Kaffees konnte man stundenlang zuhören und mitdiskutieren. Aus Edward Lloyd’s Coffee House, einem Treffpunkt für Schiffseigner und Händler, ging der Versicherungsmarkt Lloyd’s of London hervor. König Charles II. versuchte 1675, die Kaffeehäuser per Proklamation zu schließen, und nahm den Versuch nach Protesten zurück.
- Wien: Laut einer beliebten Erzählung eröffnete der Kundschafter Georg Franz Kolschitzky nach der Türkenbelagerung 1683 mit erbeuteten Bohnen das erste Kaffeehaus. Auch das ist eher Legende. Als erster Wiener Kaffeesieder gilt Johannes Diodato, der ab den 1680er-Jahren Kaffee ausschenkte.
- Norddeutschland: Auch Bremen und Hamburg gehörten zu den frühen Kaffeehausstädten im deutschsprachigen Raum, beide als Hafenstädte nah am Überseehandel.
Im 18. Jahrhundert war Kaffee in Deutschland so verbreitet, dass Johann Sebastian Bach ihm in Leipzig eine eigene Kantate widmete, die heute als Kaffeekantate bekannt ist. Sie nimmt die Kaffeesucht einer jungen Frau humorvoll aufs Korn.
Und der Tee? Eine noch ältere Geschichte
Beim Tee beginnt die Erzählung ebenfalls mit einer Legende: Dem mythischen Kaiser Shennong sollen Teeblätter in sein abgekochtes Wasser geweht sein. Historisch greifbar wird Tee in China spätestens in der Tang-Dynastie. Im 8. Jahrhundert schrieb Lu Yu das Chajing, den „Klassiker des Tees“, eines der ältesten Bücher, das sich ganz einem Getränk widmet.
Nach Japan brachten buddhistische Mönche den Tee, und im 12. Jahrhundert verbreitete der Mönch Eisai die Zubereitung mit pulverisiertem Tee, aus der die japanische Teekultur und letztlich der heutige Matcha hervorgingen. Wie sich Matcha und Kaffee heute unterscheiden, zeigt der Beitrag Matcha vs. Kaffee.
Nach Europa kam Tee im 17. Jahrhundert über niederländische Händler. In England wurde er später zum Nationalgetränk, in Ostfriesland zur festen Teezeit.
1819: Goethe, Runge und eine Schachtel Kaffeebohnen
Wer Kaffee oder Tee trank, wusste jahrhundertelang nicht, welcher Stoff eigentlich wach macht. Das änderte sich 1819. Der junge Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge hatte in Jena vorgeführt, wie ein Extrakt aus der Tollkirsche die Pupille einer Katze erweitert. Unter den Zuschauern war Johann Wolfgang von Goethe, selbst naturwissenschaftlich interessiert. Nach Runges eigenem späteren Bericht gab Goethe ihm eine Schachtel Kaffeebohnen mit und regte an, sie zu untersuchen.
Runge isolierte daraus kurz darauf eine kristalline Substanz: das Koffein. Unabhängig von ihm gelang das wenige Jahre später auch französischen Chemikern. Das „Thein“ aus Tee und das „Guaranin“ aus Guarana galten zunächst als eigene Stoffe, erwiesen sich aber als identisch mit Koffein. Mehr zu Guarana steht im Beitrag Guarana vs. Koffein.
Ende des 19. Jahrhunderts klärte der Chemiker Emil Fischer die Struktur der Purine, zu denen Koffein gehört, und synthetisierte Koffein im Labor. Er erhielt 1902 den Nobelpreis für Chemie. Wenig später, 1906, brachte der Bremer Kaufmann Ludwig Roselius mit Kaffee HAG den ersten entkoffeinierten Kaffee in großem Stil auf den Markt.
Cola: Koffein wird zur Limonade
1886 mischte der Apotheker John Stith Pemberton in Atlanta einen Sirup, der zur Coca-Cola wurde. Der Name verweist auf zwei Zutaten: Koka-Blätter und die koffeinhaltige Kolanuss aus Westafrika. Die Koka-Bestandteile wurden Anfang des 20. Jahrhunderts entfernt, das Koffein blieb. Damit war Koffein zum ersten Mal ein fester Bestandteil eines massenhaft vertriebenen Erfrischungsgetränks. Eine 330-ml-Dose Cola liefert heute je nach Sorte grob 30 bis 40 mg Koffein.
Energy Drinks: Koffein als Lifestyle
Die nächste Etappe begann in Asien. In Thailand kam in den 1970er-Jahren das Getränk Krating Daeng auf den Markt, beliebt bei Lkw-Fahrern und Schichtarbeitern. Der österreichische Unternehmer Dietrich Mateschitz lernte es kennen, passte es an europäische Geschmäcker an und brachte es 1987 in Österreich als Red Bull heraus.
Aus dem Getränk wurde eine Kategorie mit eigener Bildsprache: Sport, Nachtleben, Gaming. Eine 250-ml-Dose enthält typischerweise rund 80 mg Koffein, etwa so viel wie eine Tasse Kaffee. Weil Energy Drinks oft schnell und in Serie getrunken werden, gelten in der EU besondere Kennzeichnungsregeln für Getränke mit hohem Koffeingehalt. Was es jenseits der Dose gibt, zeigt die Seite Energy-Drink-Alternative.
Heute: Koffein in Milligramm
Die jüngste Etappe ist die nüchternste: Koffein als klar dosierter Wirkstoff. Koffeintabletten gibt es seit Jahrzehnten, heute kommen Kapseln mit Kombinationen hinzu. Ihr Vorteil gegenüber Bohne und Blatt ist die feste Menge, die nicht mit Röstung, Ziehzeit oder Löffelgröße schwankt. Ein Beispiel ist ALPHORA FOKUS mit 100 mg Koffein und 200 mg L-Theanin im Verhältnis 1:2 pro Tagesportion. Einen Überblick gibt die Seite Koffeintabletten.
Parallel dazu ist das Wissen über Koffein gewachsen. Die EFSA hat 2015 erstmals umfassend bewertet, welche Mengen für gesunde Erwachsene unbedenklich sind: bis 200 mg als Einzeldosis und bis 400 mg pro Tag aus allen Quellen, für Schwangere bis 200 mg pro Tag. Schon 100 mg kurz vor dem Schlafengehen können laut EFSA bei manchen Erwachsenen den Schlaf beeinträchtigen. Die Details erklärt der Beitrag EFSA-Koffein-Grenzen.
Fazit
Vom legendären Ziegenhirten über Sufis im Jemen und die Penny Universities in London bis zu Runges Labor und der Energy-Drink-Dose: Koffein hat Religionen, Handel, Wissenschaft und Popkultur begleitet. Die Formen haben sich verändert, das Molekül nicht. Was sich geändert hat, ist unser Wissen darüber, wie viel davon gut ist.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sowie eine gesunde Lebensweise. Die Gesamt-Koffeinaufnahme aus allen Quellen sollte im Blick behalten werden. Koffeinhaltige Nahrungsergänzungsmittel sind nicht für Kinder und Jugendliche gedacht. Bei Schwangerschaft, Stillzeit, bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme vor der Einnahme ärztlichen Rat einholen.
Häufige Fragen
Wer hat Koffein entdeckt?
Der deutsche Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge isolierte Koffein 1819 als Erster aus Kaffeebohnen. Den Anstoß dazu soll Johann Wolfgang von Goethe gegeben haben, der ihm nach einer Vorführung eine Schachtel Kaffeebohnen zur Untersuchung mitgab. Wenige Jahre später isolierten auch französische Chemiker die Substanz unabhängig davon.
Stimmt die Geschichte vom Ziegenhirten Kaldi?
Sie ist eine Legende. Der Erzählung nach bemerkte ein äthiopischer Hirte namens Kaldi, dass seine Ziegen nach dem Fressen roter Kaffeekirschen besonders munter waren. Schriftlich taucht die Geschichte erst 1671 in einem Text des Gelehrten Antoine Faustus Nairon auf, also lange nach den ersten belegten Kaffeetrinkern. Historische Belege für Kaldi gibt es nicht.
Wo wurde zuerst Kaffee getrunken?
Die frühesten verlässlichen Belege für Kaffee als Getränk stammen aus dem Jemen des 15. Jahrhunderts. Dort tranken Sufis ihn, um bei nächtlichen Andachten wach zu bleiben. Die Kaffeepflanze selbst stammt ursprünglich aus dem Hochland Äthiopiens. Über Mekka, Kairo und Konstantinopel verbreitete sich das Getränk im Osmanischen Reich und von dort nach Europa.
Seit wann gibt es Kaffeehäuser in Europa?
In Konstantinopel entstanden Kaffeehäuser bereits Mitte des 16. Jahrhunderts. In Europa folgten sie im 17. Jahrhundert: in Venedig, in Oxford um 1650, in London 1652, in Wien in den 1680er-Jahren. Auch Bremen und Hamburg hatten früh eigene Kaffeehäuser. Sie wurden zu Orten für Handel, Nachrichten und Debatten.
Seit wann gibt es Energy Drinks?
Als Vorläufer gilt das thailändische Getränk Krating Daeng aus den 1970er-Jahren. Der österreichische Unternehmer Dietrich Mateschitz entwickelte daraus Red Bull, das 1987 in Österreich auf den Markt kam. Seitdem sind Energy Drinks zu einer eigenen Getränkekategorie geworden, deren Koffeingehalt in der EU gekennzeichnet werden muss.